Sylvia Pahl 23.9.1955 – 16.8.2025

„Das ist mein Leben!“

Sie war in einer Zeit Bürgermeisterin von Friedenfelde-Neudorf als die Uckermark von Berlin aus gesehen noch JWD lag. Nur ein paar Aussteiger und/oder Künstler hatten sich bereits zu DDR-Zeiten hier niedergelassen. Heute ist der schöne Landstrich so begehrt und ein Anwesen zu ergattern so schwer, wie eine bezahlbare Wohnung am Berliner Prenzlauer Berg zu finden.
Sylvia Pahl gehört zu denen, die die Veränderungen zum Positiven mit angeschoben haben. Sie wollte sich nicht damit abfinden, zu den Abgehängten zu gehören. Sie sah, wie heruntergekommen ihr Dorf war, auch welche tiefen Spuren das in den Köpfen der Menschen hinterlassen hatte. Deshalb fiel ihr Blick nach der Wende auf das leerstehende Gutsverwalterhaus. Ideen für eine neue Nutzung gab es viele, zumal die Treuhand das Objekt veräußern wollte. Allein: es fehlte am Geld für Sanierung und Betrieb.
Da kamen Mascha und Louis Join-Lambert wie gerufen. 1995 war das. Sie fanden Neudorf bei ihrer Suche nach einem Haus, um in Anlehnung an die Ideen der Internationales Bewegung ATD -Vierte Welt ein soziales und internationales Projekt auf die Beine zu stellen, ein „Forum für Gemeinschaft in Europa“. Ohne Sylvia Pahl ein vergebliches Unterfangen: gemeinsam mit Amtsdirektor Rainer Beck organisierte sie eine erste Bürgerversammlung im kleinen Gemeindehaus in Neudorf. Alle saßen gespannt auf ihren Bänken: das heißt, nur die Männer waren da. Sylvia hielt sie alle an der Leine. Zwanzig Augenpaare blickten auf die Gäste aus Frankreich ebenso misstrauisch wie erwartungsvoll. Sylvia Pahl lotste durch alle Fragen hindurch und sorgte dafür, dass die Skepsis zugunsten einer Erwartungshaltung kleiner wurde.
Im Sommer 1997 empfing das ganze Dorf zusammen mit den Initiatoren von ATD eine erste Gruppe junger Leute, darunter einige aus einem Moskauer Jugendheim. Es gab im Haus eine Toilette, einen Wasserhahn, eine Gulaschkanone, von Rainer Beck organisiert, und elektrisches Licht, von Nachbarn herübergeleitet. Am Schluss fand das erste Neu-Neudorfer Sommerfest statt. Das Eis war gebrochen.
Sylvia Pahl gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Haus Neudorf. Im Freundeskreis und im Vorstand fand sie ihren Platz und wusste ihn mit ihrer bodenständigen Art zu behaupten, auch gegen die Akademiker, die mit gutem Willen, aber wenig Gespür für das ländliche Leben mitwirkten. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund und wusste sich gerade dann zu artikulieren, wenn sich Besser-Wessis mit Ratschlägen zu Wort meldeten.
Mit Instinkt und Takt trat sie dann auf, wenn es um Fragen ging, die die Neudorfer direkt betrafen. Wenn es im Laufe der Jahre Entscheidungen gab, mit denen sie nicht einverstanden war, ließ sie es darauf ankommen, sich gegen den Vorstand zu positionieren. Doch sie blieb bei der Sache, auch wenn das manchmal ein Balanceakt mit den Join-Lamberts war, die das Haus leiteten. Zu wichtig waren auch ihr das Anliegen und die Zielsetzung.
Besonders die Unter-die Räder-Gefallenen lagen ihr am Herzen. Sylvia hatte die schweren Jungs aus dem Dorf begleitet, wenn sie im Knast saßen. Sie hatte ein Herz auch für die, die es faustdick hinter den Ohren hatten. Als der Plan entwickelt wurde, aus der Jugend-JVA Oranienburg eine Gruppe Jugendlicher, die kurz vor der Entlassung standen, mit Studenten aus Stettin für eine Woche „Bausteinzeit“ in Haus Neudorf zusammenzubringen, sagte sie sofort zu und verteidigte das Projekt gegen teils heftige Widerstände. Später kam einer der Jugendlichen für ein Jahr in’s Haus Neudorf und stand unter dem persönlichen Schutz von Udo und Sylvia Pahl.
Nicht nur Knastis kamen, sondern unter den Vielen, aller Generationen, die ein Engagement suchten, auch Menschen, die die Straße gekannt hatten. Haus Neudorf wurde zu einem Auflebensort für so manche von ihnen, die hier ihren Neigungen zu Kunst und Natur nachgehen konnten und dabei freien Umgang fanden mit anderen Menschen. Sylvia hatte – schon berufsmässig – dafür Verständnis, billigte die Treffen und kam damit auch den Freunden von ATD Vierte Welt und dem Anliegen näher, das Mascha und Louis Join-Lambert aus Frankreich importiert hatten.
Haus Neudorf wurde für Sylvia Pahl ein Stück ihres Lebens – wie sehr, das zeigte sich beim Abschied der Join-Lamberts. Als Mascha die Fotoalben einpackte für die Internationalen Archive, fiel sie ihr in die Arme: „Die bleiben HIER, das ist Mein Leben!“
Dass der Verein Haus Neudorf e.V. 2006 mit dem Freiherr-vom-Stein-Preis der Alfred-Töpfer-Stiftung geehrt wurde, ist auch Sylvia Pahls Verdienst, denn er galt auch ihrem Dorf.

Pfarrer i.R. Wolfram Bürger, Berlin
Ehemaliger Vorsitzender des Vereins Haus Neudorf e.V.
Im Namen der Gründungsmitglieder und des Freundeskreises