In Memoriam Professor Bronislaw Geremek

Letzte Woche verlor Europa einen Freund. Auch für die Internationale Bewegung ATD Quart-Monde und Haus Neudorf war Professor Bronislaw Geremek, Professor für Geschichte und ehemaliger Aussenminister der Republik Polen jemand, der viel zählte.

Lächelnd, mit verschmitzten Augen, hatte er uns zum ersten Mal im April 1991 in Warschau empfangen. Er leitete den Ausschuss des Sejm, der auch Verfassungsfragen beriet. Sein Büro war winzig, nach dem Durchwandern langer Gänge zu erreichen. Über seinem Sessel hing lebensgroß ein Poster mit Gary Cooper – in lässiger Pose, Hände am Colt, mit einer Aufschrift auf der breiten Hutkrempe: „Solidarnosz“, dem Namen der polnischen Gewerkschaft, die den Fall des kommunistischen Regimes herbeigeführt hatte, und für die Prof. Geremek auch im Gefängnis gesessen hatte.

Ständig kam und ging jemand. Alles atmete Aufbruch, Humor und Provisorium – und weit darüber in die Zukunft flogen die Gedanken. „Wir sind im Gespräch mit britischen Abgeordneten. Sie erklären uns den wirtschaftlichen Liberalismus. Ich bin gerne bereit, alles zu glauben, aber daß das Recht auf Arbeit kein Recht sein soll, das kann mir niemand weismachen.“

Prof. Geremek war in Frankreich als einer der wichtigsten Autoren zur Geschichte der Armut und Marginalisierung in Mittelalter und Moderne bekannt. Er leitete in Paris das Polnische Institut. Wenn er von der Notwendigkeit sprach, das Recht auf Arbeit so einklagbar zu gestalten, wie irgend möglich, ohne es zu Zwangsarbeit umzuwandeln, dann deshalb, weil er wußte, welche Verelendung Arbeitslosigkeit nach sich ziehen kann.

Im Mai 1992 kam er nach Berlin zu unserer ersten west-osteuropäischen Konferenz über „Armut, Demokratie und Menschenrechte in Europa“. Gleichzeitig wurde im „Parlament der Bäume“ am Schiffbauerdamm eine Kopie des Pariser Gedenksteines zum UNO-Armutstag niedergelegt.

Dort sagte er: „Die Stadt Berlin war während vieler Jahre Symbol für die Trennung Europas und ein lebendiges Denkmal gegen totalitäre Regime. Jetzt, nach dem Fall der Mauer, wird Berlin zu einem Symbol des Einsatzes für die Freiheit und für Europa. Ein Europa der Freiheit wäre aber ohne den Kampf gegen die Armut undenkbar.“

In seinem Beitrag während der Konferenz redete er den Europäern ins Gewissen: „Für mich als Historiker waren die Botschaften von Pater Joseph Wresinski von großer Bedeutung: man muß kämpfen, das sagte er zu denen, die er verteidigen wollte! … Inzwischen ist dieses Problem der Armut für mich zur Leidenschaft geworden, weil es Teil der Geschichte der Menschheit ist. Und ich denke, daß es keine andere Mittel und Wege gibt, sich ein Urteil über einen Menschen, über eine Gruppe Menschen, über ein Volk zu bilden, als anhand der Art und Weise, wie man den Armen behandelt. Es gibt keine anderen Kriterien.

… Wenn eine Demokratie unfähig ist, den Schwachen einen Platz in der Gesellschaft einzuräumen, ist sie selber schwach und unwirksam.“ Deshalb beschwor er sein Publikum damals auch, Polen eine Perspektive für den Beitritt zur Europäischen Union zu geben als zu einem Rechtsraum.

Er hat den Weg Polens dorthin dann als Aussenminister selber begleitet. Sein Engagement für die Umsetzung der Würde der Schwächsten hielt er die ganzen Jahre durch aufrecht, in seinen Vorträgen im Collège de France und in der Académie Universelle des Cultures in Paris z.B., und in den letzten Jahren im Europäischen Parlament. Noch im März 2008 sprach er zur Inter-Gruppe „Vierte Welt“ innerhalb des Parlaments in Brüssel.

Ich selber durfte diesen verehrten Professor zum letzten Mal in Berlin erleben, wo er zum 100. Geburtstag von Helmuth James v. Moltke sprach. Ich nehme als Auftrag mit, dass wir uns in Deutschland noch mehr darum bemühen, diejenigen, die in der Tradition des Widerstandes gegen totalitäre Regimes wirken und diejenigen, die heute der Lebendigkeit der Menschenwürde der Schwächsten verpflichtet sind, gemeinsame Sache machen zu lassen.

Mascha Join-Lambert

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