In Berlin ein Parlament der Menschlichkeit

Donnerstag 10. Dezember 2009, 10.30 Uhr
Passionskirche am Marheinekeplatz, Kreuzberg

Einhundertundsechzig Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, studierende und ausübende, aus Belgien, Frankreich, Deutschland und Polen besprachen sich kürzlich fünf Tage lang in Warschau. „Kann soziale Begleitung zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung beitragen? Sind Menschen, die diese Berufe ausüben „Aschenputtel“ oder Vorhut einer neuen Bewegung in der Gesellschaft? (1)

Müssen Sozialarbeiter und –pädagogen den Vorgaben zur frühen Signalisierung von Gefährdung des Kindeswohls so folgen, dass sie sich als Spitzel von Familien fühlen? Stärkt diese Tendenz das Vertrauen von Familien, die sich unsicher wissen? Ist sie zielführend beim Schutz von Kindern?

„Bitte, hilf mir nicht!“ lautet ein noch nicht auf deutsch übersetztes Buch von Guy Hardy aus Lüttich vom Verein „Icy-Même“. (2) Der erfahrene Familientherapeut geht dabei auf Wege und Irrwege sozialer Begleitung und Kontrolle ein. Aus Frankreich wurde von einer Familie erzählt, deren „wilde“ Versuche, ihre Kinder aus angeordneten Pflegemassnahmen zu holen, um als Familie zusammenzubleiben – die Mutter lebte selber als Kind in Heimen – mit Gefängnis bestraft wurden. Die neuesten französischen Vorgaben zum Kinderschutz setzen als Priorität, den Widerstand von Eltern zu brechen, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, oft ebenso hilflos wie ihr Leben, sich dem widersetzen, was Andere für sie vorgeben.

Ist das wirklich, was wir wollen? Wie kann aus dem Gegeneinander ein Miteinander von Energien werden? Diesen Fragen stellt sich das Projekt, das Haus Neudorf gemeinsam mit einem beim Europarat angesiedelten Verein von Sozialpädagogen eur-cef sowie mit ATD-Polska eingeleitet hat und das von Warschau noch nach Paris und Brandenburg gehen wird.

Aber wir wollen uns nicht nur an die sozialen Berufe wenden. Wir wollen auch auf neuen Wegen MitbürgerInnen mit Lebenserfahrung von sozialer Ausgrenzung und Verarmung in die Sprachfähigkeit begleiten – und der Öffentlichkeit und Politik die Ohren für ihre Sprache öffnen.

Dafür haben wir am Internationalen Armutstag in Berlin das „Parlament der Menschlichkeit“ gegründet (3). Seine erste Sitzung wird am 10. Dezember stattfinden, übrigens UNO-Tag der Menschenrechte. Weitere Sitzungen werden Ende Februar, Ende April und Ende Juni 2010 in jeweils anderen sozialen Brennpunkten in Berlin gehalten.

Die Themen des Parlamentes der Menschlichkeit gleichen wir mit den Tagesordnungen der Ausschüsse des Deutschen Bundestages ab. Zu allen Themen haben auch BürgerInnen mit Armutserfahrung etwas nachzudenken, abzuwägen, einzubringen. Die Ergebnisse werden wir den Ausschüssen mitteilen – und Austausch suchen.

Gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin lädt Haus Neudorf Sie herzlich ein, diese neuen Schritte zu lebendiger Demokratie mit uns zu wagen.

Ich bin gespannt – Ihre Mascha Join-Lambert

(1) Ein trilaterales Projekt zum EU-Jahr der Armutsbekämpfung unter der Schirmherrschaft des Marszall der Region Mazovie, Polen, und des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg; www.innov.2010.eu
(2) Guy Hardy, „S’il te plaît ne m’aide pas“, Liège 2009, Belgien
(3) Siehe« 17. Oktober»

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