Danzig, Platz der Solidarnosc, 1979 – 1989 – 2009

Verankert im Himmel überragen drei Betonkreuze die Stadt. In vierzehn Meter Höhe erinnern sie hier an die Werftarbeiter, die seit 1970 die Auflehnung gegen das Regime mit dem Leben bezahlten. Im Hintergrund gen Norden die Kräne der Danziger Werft. Auf der anderen Seite die Stadt.

Mit unseren Freunden Anna und Jurek steigen wir in den Keller, der den heroischen Tagen als Museum dient. „Passkontrolle, Miliz“ tönt uns der O-Ton von damals entgegen. „Nie wieder das“, sagt Anna.

Aus den Bildern steigen die Erinnerungen an diese Monate auf, an die Massen in den Hauptstädten Mittel- und Osteuropas, die wir ungläubig damals vor dem Fernseher wahrnahmen, die uns vor Hoffnung bibbern machten. Erinnern wir noch die Menschenkette von zwei Millionen Balten durch ihre drei Länder hindurch?

„Nie wieder das“, sagt sie – obwohl der Preis dafür sehr hoch war. Mit den Kontrollen und dem Leben nach Vorschrift brach auch die Existenzsicherung zusammen, aus der die Regimes Rechtfertigung gesaugt hatten, zum Wohl „ihrer“ Menschen. „Nie wieder das“ bedeutete für Anna wie für so Viele, einen neuen Beruf zu finden, der Arbeitslosigkeit seelisch zu trotzen, weiterhin zu sechst auf 60qm zu leben und gleichzeitig Andere mit alten Seilschaften aufsteigen zu beobachten, ihre Söhne ins Ungewisse wegziehen zu sehen. Für viele dieser Generation die Chance, sich weiterzuentwickeln, für viele der Weg auf die Strassen von London oder Hamburg.

Auch wir haben Söhne und Töchter dieser Generation. Ja, ich sehe auf Anna und Jurek, ich sehe auf diese Menschenmeere, deren Macht die Ordnung von Yalta unterspülten. Und muss mich fragen, wie viele von uns aus dem Westen nach dem Beifallspenden tatsächlich ein Stück Weg mit ihnen gegangen sind.

Der Platz der Solidarnosc schmückt sich mit starken Emotionen. Dazwischen, nicht zu übersehen, in polnischer und englischer Sprache, ein Riesenplakat: „Was die Diktatoren des Ostens nicht geschafft haben, haben die Beamten in Brüssel fertig gebracht.“ Tatsächlich musste die Danziger  Werft soeben schliessen, wie andere auch. Aber jemand will uns wissen lassen, daß man immer noch auf uns wartet. Wir werden dagegenhalten, daß schon so viel Geld in den Osten floß. Doch möglicherweise geht es nicht ums Geld. „Was uns Kraft in jenen Jahren gab, sagen unsere Freunde, was unvergesslich bleibt, war das Gefühl, nicht alleine zu sein. Im ganzen Land waren wir verbunden, und wussten uns auch den Tschechen und den Ungarn nahe.“

Wie lange bibberten wir im Westen voll Hoffnung mit ihnen?  Die Frage muß erlaubt sein, denn der Preis der Freiheit ist auch der Preis der Brüderlichkeit. Von ein paar Leuten im Osten kam sehr schnell Anschauungsunterricht darin. Von Jacek Kuron etwa in Polen mit seiner „Kuronska“, „Suppe für Alle“. Von Pfarrer Christian Führer etwa aus Leipzig mit der Initiative  seiner Gemeinde für Arbeitsbeschaffung, ergänzend zu den Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Das Leben unter dem „Regime“ hatte sie zum Nachdenken über den Wert von Vergebung und Großherzigkeit gezwungen. Die plötzliche Massenarbeitslosigkeit hatte sie in Abgründe blicken lassen. Freiheit, ohne Moral und mit Lebenslangweile gepaart, würde ihre Gesellschaften in Staub auflösen. Sie reagierten mit der ihnen eigenen Professionalität, die der Barmherzigkeit. Menschen wie ihnen schuldet die Europäische Union die Geduld der Völker in Mittel- und Osteuropa seit zwanzig Jahren.

Auf der anderen Seite des Platzes, ein Stück schäbiger Betonmauer. Unter ein paar staubigen Blättern, ein kleines Graffitti:“ Die Erinnerung ist ein geladenes Gewehr.“

Mascha Join-Lambert

PS:  „20 Jahre Mauerfall  -  20 Jahre Zukunft“  heissen die Internationalen Bausteinzeiten in Haus Neudorf im Sommer vom 18.7. – 1.8. und vom 16. – 29. 8. Mehr dazu unter „Projekte“.

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