ASSE und ASSI

OFFENSICHTLICH OHNE weiteres Nachdenken wurde schwach- und mittelradioaktiver Atommüll seit den 1980-er Jahren im niedersächsischen Bergwerk „Asse“ gelagert. Man setzte auf technische Innovationen. Heute werden die Konsequenzen als nicht tragbar erkannt. Man stellt sich ihnen mit einem weltweit einmaligen Projekt. 100 000 Fässer sollen heraus geholt, „gründlich geprüft“, in eine neue Lagerung überführt werden. 10 Jahre wird dies dauern. Die Atomindustrie soll und wird sich an den Kosten beteiligen, wenn es nach der Bundesforschungsministerin geht.

Ein Bild im Vergleich drängt sich mir auf.

OFFENSICHTLICH OHNE weiteres Nachdenken wurden in Europa seit den 1980-er Jahren Beschäftigte als „Arbeitsmarktmüll“ entlassen. Ein paar Querulanten, darunter ATD-Quart Monde, wiesen auf die Konsequenzen (1) hin. Man hoffte dagegen auf Wachstum und Innovation. Diese Hoffnung wich der Akzeptanz einer hohen Sockelarbeitslosigkeit.
Es dauerte auch dreißig Jahre, bis deren langfristige Sozialkosten als wissenschaftliche sowie durch Erfahrungswissen belegte Werte als nicht tragbar erkannt wurden: gesundheitliche Schäden physischer und psychischer Art, Zerfall familiärer Bindungen, Bildungsverfall in der Kindergeneration. Und Leiden, wie vielleicht auch einmal bemerkt werden darf! Denn zum Schaden kam der Spott: ein „Assi“ zu sein, bedeutet den sozialen Tod.
In Deutschland, und hier besonders, aber nicht nur, in den östlichen Bundesländern, wurde unter gering qualifizierten MitarbeiterInnen bei einem schwachen Arbeitsangebot sozialer Abstieg hingenommen.

Wer will hier „gründlich prüfen“? Wer hunderttausendfacher sozialer Verwahrlosung nachgehen? Wer den Preis zur gesellschaftlichen Wiedergewinnung dieser BürgerInnen und Bürger und ihrer nun auch Eltern werdenden Kinder zahlen?

Wer holt die „Assis“ raus?

Ich bitte um Verzeihung, wenn Sie diesen Vergleich geschmacklos finden. Jedoch: der Umgang mit Natur und Mensch ist unteilbar.

Ihre
Mascha Join-Lambert

(1) 1987, Paris, Conseil Economique et Social, Erster Armutsbericht in Frankreich und Europa. Gezeichnet von Joseph Wresinski.

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