21. UNO – Tag der Armutsbekämpfung

Veranstaltung in Berlin im Parlament der Bäume, Schiffbauerdamm
Feierstunde zu Ehren der Ungekannten Opfer von Hunger, Unwissenheit und Gewalt

Liebe Freunde,

Viele Jahre,
Zu viele Jahre schon,
Sind wir Zeugen unwürdiger, und zu oft auch unmenschlicher Armut in Europa.

In den 60er Jahren
Wurden Formen von Sozialhilfe in Europa eingeführt, gleichzeitig Kontrollen so beibehalten, daß aus den  Hilfen für die Empfänger nie wirklich der angestrebte Rechtsanspruch wurde.

In den 70er Jahren
Gab es die ersten Modellprojekte auf westeuropäischer Ebene, aus denen nie die Lehren für eine neue Sozialpolitik gezogen wurden. „Wo es Armut gibt, soll sie vor Ort als persönliches Problem behandelt werden“, hieß es. ATD-Quart Monde und Andere sprachen vom Analphabetismus in den sozialen Brennpunkten in Westeuropa -  wir wurden verjagt als Demagogen.

In den 80er Jahren
Schickte man die Menschen plötzlich wieder Betteln auf die Strassen; begann die grosse Arbeitslosigkeit in den grossen Ländern Westeuropas und fiel den Regierungen nichts Besseres ein, als Notunterkünfte und, wie in Frankreich zum Beispiel, die Restaurants des Herzens zu unterstützen. Aber es gab auch den ersten Armutsbericht, 1987 von ATD-Quart Monde vorgelegt in Frankreich, und ein erstes Bürgertreffen gegen grosse Armut und Ausgrenzung. Zehntausende folgten dem Appel von Joseph Wresinski auf den Trocadero nach Paris.

In den 90er Jahren
erschienen auch in Deutschland  Armutsberichte. Armut wurde vorsichtig zu einem politischen Thema. Aber die akuten Fragen der Flüchtlinge aus dem Balkankrieg, der Asylbewerber, den Herausforderungen nach der Wiedervereinigung und der Arbeitlosigkeit ließen für grundlegende Fragen wenig Zeit; schlimmer: Angst und Konkurrenz unter den Benachteiligten wurden hingenommen, wenn nicht geschürt.

Nun in diesem Jahrzehnt
hat jeder seine aktuellen Erfahrungen einzubringen. Die Reizworte sind bekannt.
Die Kinder von damals sind heute Eltern, oft alleine, oft überfordert, oft arbeitslos und nicht ausgebildet. Wir reden von Kinderarmut und meinen Familienarmut.
Die Kinder und Jugendlichen von heute, kindliche Zeugen der Arbeitslosigkeit ihrer Eltern, sind für Erwachsene zu oft nicht mehr ansprechbar. Wenn sie sich nicht völlig zurückziehen, ist Gewalt, die sie selber zerstört, zu oft ihr Ausdruck.
Die Eltern von damals steuern in die Altersarmut.

Neben vielen Hilferufen und Initiativen aller Art machen sich auch Ratlosigkeit, Wut und allgemeine Verunsicherung breit. Die sozialen Dienste aller Art fühlen sich allein gelassen, die Menschen noch viel mehr.

Aber nur mit Hoffnung können wir leben. Deshalb ist es an der Zeit, daß wir neue Beschlüsse fassen zum Thema Menschenwürde und Menschenrechte.
Die Freiheit, die Vielen so wertvoll ist, ist die Freiheit, aufeinander zuzugehen.
Freiheit ohne Brüderlichkeit ist ein Trugschluß, dieser Gedanke hat diesen Stein nach dem Fall der Berliner Mauer hierher gebracht. Nicht „Rette sich, wer kann“  bringt Sicherheit, sondern Teilen, das Vertrauen baut, bringt Sicherheit.
Zuhören ist nicht nur etwas, wofür Psychotherapeuten sich bezahlen lassen sollen! Zuhören und ernstnehmen ist eine basispolitische Verantwortung für jeden Bürger und jede Bürgerin.

Nicht „Ich will mit dem Andern nichts zu tun haben“ ist Freiheit, sondern verstehen zu wollen, wo den  gemeinsamen Notwendigkeiten begegnet werden kann.  Was die gemeinsame Menschlichkeit braucht, wollen wir verstehen, um mit neuen Ideen kommen zu können.

Und deshalb verlangt der Schutz der Menschenwürde eine radikale Menschlichkeit, so radikal, dass sie jeden Menschen ganz ernst nimmt. „Je unnützer ein Mensch, um so kostbarer ist er“, so sagte  Joseph Wresinski, und ich fand immer, daß gerade wir Deutschen eine Verantwortung darin für uns erkennen können.

Deshalb möchte ich einen Vorschlag machen in diesem Jahr, in dem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 60. Geburtstag hat.
Das „Parlament der Bäume“ hier im Regierungsviertel wurde geschaffen, um die Menschen an ihre Verantwortung der Natur gegenüber zu erinnern. Es ist an der Zeit,  an unsere Verantwortung der Menschenwürde gegenüber zu erinnern, und so könnten wir beschließen, in Berlin ein Parlament der Menschlichkeit einzuberufen.
Ein Parlament von, mit und für Menschen, die den Kampf um Würde und Menschlichkeit seit vielen Jahren in ihrem Leben führen. Ein Zeichen von, für und mit Allen, die die Hoffnung auf Freiheit und Frieden nicht aufhören zu denken und zu erwirken.
Ein Zeichen für Alle, die wissen, daß zum Leben die Fülle seiner  Würde gehört.
Am 10. Dezember, 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, könnten wir uns hier in Berlin wiedersehen, um solch einer Hoffnung Gestalt zu geben in einem Parlament des Muts und der Menschlichkeit.

Mascha Join-Lambert, Haus Neudorf-Friedenfelde/Uckermark
Für ATD Vierte-Welt in Deutschland
17.10. 2008
www.oct17.org

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